Meeresschildkröten in Fuerteventura

article by: at: 11th Okt 2010 under: Fuerteventura

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Wie meine Facebook Freunde schon wissen, vergangenes Wochenende war ich Zeuge der Geburt von mehr als 80 Meeresschildkröten am Strand von Cofete in Fuerteventura. Im Rahmen eines Projektes zur Wiederansiedlung der Unechten Karettschildkröte (Caretta caretta) auf den Kanarischen Inseln werden die Eier der Muttertiere von den Kapverdischen Inseln nach Fuerteventura geflogen wo sie dann am Strand von Cofete im Süden der Insel wieder eingegraben werden.

Es gibt vereinzelte Nachweise, dass diese Schildkrötenart einst auch auf den Kanaren ihre Brutplätze hatte, jedoch aufgrund der von Menschen geschaffenen Bedrohungen wie z.B. Wasserverschmutzung, industriellem Fischfang, Zerstörung der natürlichen Brutstätten durch Konstruktion und Tourismus und auch durch Kollisionen mit Schiffen und Booten, in Kanarischen Gewässern heute nur noch selten anzutreffen ist.

Wasserverschmutzung

Meeresschildkröten ernähren sich unter anderem von Quallen und Seegras. Im Wasser treibende Plastiktüten und andere Gegenstände werden von ihnen oft mit dieser Nahrungsquelle verwechselt und von ihnen verzehrt was zum Tod der Tiere führen kann. Oftmals verfangen sie sich auch in treibenden Schnüren und z.B. den Plastikringen welche Getränkedosen zusammenhalten. Dies schnürt ihnen ihre Gliedmaßen ab was zu Verstümmelungen und Ertrinken führt.

Fischfang

Eine grosse Bedrohung, wie für alle Meerestiere, sind die mit unter kilometerlangen Schleppnetze welche von industriellen Fischfang Schiffen benutzt werden. In diesen Netzten verfangen sich nicht nur die Fische welche gefangen werden sollen sondern eben alles was seinen Weg kreuzt. Nicht nur Schildkröten und Delfine verenden hier völlig grundlos und werden später als Abfall über Bord geworfen. Aber auch abgerissene Angelhaken und achtlos weggeworfene Angelschnüre von Sportfischern werden den Tieren oftmals zum tödlichen Verhängnis.

Kollisionen

Eine weiter häufige Todesursache der Tiere sind Verletzungen durch Zusammenstösse mit Schiffen, Booten und anderen Wasserfahrzeugen und Verstümmelungen durch die Antriebsschrauben dieser. Leider finden wir allzu häufig tote Tiere am Strand mit zerstörten Panzern und abgetrennten Gliedern.

Warum die Kap Verden und warum Fuerteventura?

Im Artenschutzzentrum von Ervatao, auf der Kapverdischen Insel Boa Vista, wird die dort vorkommende Schildkrötenpopulation seit nun schon mehr als zehn Jahren erforscht. Im Rahmen dieser Studien haben die Wissenschaftler herausgefunden, dass die Schildkröten mit unter nicht immer die besten Brutplätze für ihre Eierablage wählen und das an diesen Orten oftmals bis zu 80% der gelegten Eier nicht schlüpfen. Die dort von den Muttertieren gelegten Eier werden eingesammelt und in binnen weniger als 24 Stunden zuerst nach Gran Canaria und dann mit dem Helikopter an den Strand von Cofete nach Fuerteventura geflogen wo freiwillige Helfer schon die neuen Nester vorbereitet haben.
Der Strand von Cofete befindet sich im Süden Fuerteventuras, im Naturschutzgebiet Jandia. Die enormen Ausmaße, die oftmals heftige Brandung und starker Wind der diesen Strand für die meisten Badeurlauber uninteressant macht und die Abgeschiedenheit führten zu der Entscheidung diesen Ort für das Projekt zur Wiederansiedlung der Meeresschildkröten auszuwählen. Ausserdem ist der Zugang zum Strand zu dem nur eine einzige Piste führt einfach zu kontrollieren und, sollten die hier geborenen Schildkröten wieder zum brüten zurückkehren, abzuriegeln wenn dies zum Schutz der Tiere nötig ist.

Vier unvergessliche Tage habe ich hier mit anderen Freiwilligen in meinem Zelt verbracht. Schlaf gab es wenig da die jungen Schildkröten in der Nacht schlüpfen. So wurden Schichten eingeteilt um die Nester zu beobachten und die anderen Helfer zu verständigen sollten sich die Frischgeborenen dazu entscheiden sich aus ihren Nestern auszugraben. Die Eier liegen etwa 40 cm tief im Sand vergraben wo die Temperatur konstanter ist als an der Oberfläche und wo sie vor Räubern versteckt sind. Die Jungtiere schlüpfen also unterirdisch und kommen nicht unmittelbar zur Oberfläche sobald sie geschlüpft sind, sondern warten erst auf ihre Geschwister. Wenn sich dann ein Grossteil der Tiere aus ihren Schalen befreit hat arbeitet sich die ganze Gruppe auf einmal nach oben und so ist es keine Seltenheit 30 und mehr Tiere zu beobachten wie sie sich aus dem Sand hervor arbeiten. Einmal an der Oberfläche versuchen die Tiere so schnell wie möglich ins Wasser zu gelangen um ihren normalerweise am Strand lauernden natürlichen Feinden zu entkommen. Im Zuge dieses Projektes aber werden die kleinen Schildkröten eingesammelt und noch in der gleichen Nacht am Strand von den Leitern des Projekts und den freiwilligen Helfern vermessen, gewogen und nummeriert. Am nächsten Tag dann werden sie in die Schildkrötenpflegestätte „Sodade“ gebracht welche sich im Hafen von Moro Jable befindet und von Jedermann besucht werden kann. Dort bleiben sie bis sie ungefähr ein Jahr alt sind und werden dann freigelassen. Dadurch verspricht man sich die verletzlichen Jungtiere zu schützen und sie besser gewappnet freizulassen wodurch sich ihre Überlebenschancen erhöhen. Am Samstag Abend durfte ich Zeuge einer solchen Freilassung werden und beobachten wie die jungen Schildkröten erst über den Strand krabbelten um anschliessend in der gewaltigen Brandung verschwanden. Gerne würde ich wissen wo sie heute unterwegs sind. Wenn die Erwartungen des Projektes in Erfüllung gehen, dann kommen diese Tiere in etwa 12 – 14 Jahren wieder an den Strand von Cofete zurück um dort ihre Eier abzulegen. Solange dauert es nämlich bis die Unechte Karettschildkröte ihr geschlechtsreifes Alter erreicht hat. Bis dahin werden die Schildkröten kaum wieder an Land zurückkommen, denn von dem was die Biologen bis heute über diese Tiere wissen verbringen sie fast ihr ganzes Leben auf dem offenen Meer wo sie von Strömungen getrieben tausende von Kilometern zurücklegen können. Könnten diese Tiere Seemannsgarn spannen, welche Geschichten würden wir wohl von ihnen hören können?

Danke an dieser Stelle an Alle die dieses Erlebnis möglich gemacht haben. So viele nette und engagierte Menschen habe ich dieses Wochenende kennengelernt, dass es unmöglich ist sie alle namentlich zu nennen. Ein ganz besonderer Dank geht allerdings an Ana von der Schildkrötenpflegestätte in Moro Jable die die Leiterin des Projektes vor Ort war. Dank ihres Fachwissens und ihrer natürlich lustigen Art konnte ich viel über diese wunderbaren Tiere lernen. Gerne möchte ich hier auch Thorsten Böhnke von Tigersnail Film erwähnen dessen Projekt es ist einen Dokumentarfilm über das Leben der Unechten Karettschildkröte zu drehen. Neuigkeiten und andere seiner Projekte gibt es auf seiner Webseite www.tigersnail.com. Viel Glück mit Deinem Projekt!

Weitere Informationen über das Projekt der Wiederansieldlung der Unechten Karettschildkröte auf Fuerteventura sowie Möglichkeiten der freiwilligen Mitarbeit auf den Kanaren und den Kapverdischen Inseln kannst Du auf folgenden Webseiten finden:

Einen kleinen Film in welchem Du die Geburt der Schildkröten am Strand von Cofete sehen kannst ist auf der Webseite von IGNIS Press zu sehen.

Und was kannst Du tun wenn Du eine verletzte Schildkröte findest?

Wie ich dieses Wochenende gelernt habe, sind Schildkröten verhältnismäßig robuste Tiere welche tagelang ohne Futter und sogar ohne Wasser auskommen können. Diese Tatsache erleichtert ihre Rettung erheblich für den Fall wenn Du einmal ein verletztes Tier am Strand oder im Wasser finden solltest. Nur schattig sollte der Platz sein an welchem die Schildkröte auf ihren Retter wartet. In Spanien kannst Du die 112 anrufen und die Notzentrale kümmert sich darum das Tier in die richtige Einrichtung zu bringen. Wer mit dem Boot unterwegs ist, kann das Tier ohne Bedenken über mehrere Tage an Bord mitnehmen um es bei der Ankunft im Hafen an die Hilfseinrichtungen zu übergeben. Doch auch hier gilt, dass das Tier an Bord einen schattigen Platz haben muss. Und bitte nicht zum Spass die Tiere einsammeln sondern nur wenn Du sicher bist, dass die Schildkröte ohne Hilfe nicht alleine überleben würde. Eigentlich überflüssig zu sagen: Mit gesundem Menschenverstand und Respekt Anderen und der Natur gegenüber. Wir sind nicht alleine hier auf dieser Erde und es ist unsere Pflicht und Verantwortung sie zu erhalten. Denke daran, dass sie nicht uns gehört, sie ist uns nur geliehen.

 

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